14.09.2013 - 21.700 Kilometer

Buddha´s eyesAn der chinesisch-nepalesischen Grenze wird es dann schlimmer als erwartet. Ein letztes Mal dürfen wir von Kontrollwahn und Unflexibilität kosten, als wir am Morgen die erste chinesische Kontrolle noch innerhalb Zhangmus passieren. Acht Kilometer weiter die Serpentinenstraße hinunter reiht sich ein auf die Abfertigung wartender Laster an den anderen. Zum Überholen in der engen Schlucht ist so gerade eben Platz, wenn uns hier einer entgegenkommt, dauert die Ausweichprozedur immer ewig. Und wir haben ja keinen Rückwärtsgang. Wenn man bedenkt, dass diese Straße die einzige Handelsverbindung zwischen China und Nepal ist ...

Weiter unten vor dem Schlagbaum geht es zu wie in einem Bienenstock, und nichts ist auch nur annähernd geregelt: Ein schmuddeliger Shop reiht sich an den anderen, ein Blick in die verdreckten "Restaurants" reicht aus, unser Verdauungssystem dem Schlimmsten auszusetzen, Lastwagen mit Riesenballen an Ladung werden von Schwärmen an Trägerinnen entladen, die Ladung auf einem kleinen Platz oder gleich auf der engen Straße gestapelt. Der stinkende Müllberg mitten auf der Straße mitten in der Sonne bleibt aber der höchste Stapel … Dazu kommt ein bestialischer Gestank aus dem öffentlichen Klo, das wir erfolgreich meiden, und zur Abrundung dröhnt in der Straßenschlucht mit unvorstellbarer Lautstärke ein riesiger Dreizylinder-Dieselgenerator, der jede Stunde kollabiert und sofort vom eigens abgestellten Mechaniker mit einer ordentlichen Ladung Altöl geflutet und wieder zum Leben erweckt wird.

Würden wir das Kaff nur mal eben passieren, wäre es ja in Ordnung. Ist es aber nicht. Beinahe sieben Stunden sind wir dem Inferno ausgeliefert, unser Guide ist immer noch acht Kilometer weiter oben und versucht irgendeine Blödsinns-Freigabe aus Lhasa zu bekommen. Das erzählt er uns jedenfalls am Telefon, und das läuft heiß. Wir rufen sowohl ihn als auch den Agenten halbstündlich an, unsere Stimmung schwankt zwischen Ungläubigkeit, Verzweiflung mangels Toilette und einer ordentlichen Portion Galgenhumor. Zeitweise überwiegt vor allem Wut auf die Grenzer, die Bürokraten, unsere "Agentur" und die Chinesen ganz im Allgemeinen.

Irgendwann verschwindet die brütende Sonne, es beginnt zu regnen. Zu schütten. Wir versuchen, die Mopeds unters Dach vorm Schlagbaum zu schieben und kriegen gleich einen Rüffel. Ist uns aber jetzt so was von egal, nix verstehen. Und irgendwann um kurz vor 17 Uhr sehen wir im Laufschritt unseren Guide nahen. Wird auch langsam Zeit, denn die Nepali drüben machen um 18 Uhr dicht! Noch eine Passkontrolle auf chinesischer Seite, noch eine was-weiß-ich-Kontrolle, wir schwingen uns auf die Maschinen und wollen endlich über die Friendship-Bridge rollen, auf deren Mitte der ersehnte Grenzstreifen zu Nepal verläuft.

Motorräder: Schieben!

Denkste - die Chinesen zetern herum: "Maschinen aus! Schieben!" Wie bitte?! Wir haben keinen einzigen Laster bemerkt, der hier bis zur Grenze GESCHOBEN wird. Ich bin kurz vorm Explodieren und tue so, als sei das Motorrad für mich zu schwer zum Schieben.

Ich steige ab und bedeute, dass ich genau an dieser Stelle die Nacht verbringen werde, wenn ich nicht fahren darf. Woraufhin ein Grenzer hinten schiebt, genau bis beide Räder auf der mächtigen Talbrücke über den Streifen gerollt sind. Dort dürfen dann die Motoren angeworfen werden. Uns fehlen zur Abwechslung die Worte.

Die Nepali stellen uns ruckzuck zwei Visa aus und wir durchqueren Kodari, das ist der Name der traurigen, armseligen Bretterbudenansammlung hier, auf der ebenfalls einzigen Piste durch die enge Schlucht, dem Friendship- oder Araniko-"Highway".

Der "Highway" hat meist eine Breite von drei, manchmal auch fünf Metern, führt am Bergrand hoch über dem Fluss vorbei und ist auf den nächsten 30 Kilometern eine Matschpiste mit mehr oder weniger dicken Steinen, Wasserläufen und Gefällen. 

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