Ohne Probleme passieren wir die iranische Grenze in Astara und fahren auf den aserbaidschanischen Zoll zu. An den wartenden LKWs kommen wir größtenteils vorbei, aber irgendwann ist Schluß damit, die LKWs haben sich völlig ineinander verkeilt, und so müssen wir nun warten, dass wir langsam mit nach vorne gespült werden. Wie in einem großen Raum mit vielen Menschen, die alle nach draußen drängen durch eine kleine Tür, die immer nur einen ausspuckt.

Irgendwann ist auch das vorbei und uns steht die nächste Geduldsprobe bevor. Wir dachten, dass die hundsmiserable Straße nach Astara bald besser wird, aber erstmal geht es für die nächste Zeit mit maximal 40 km/h weiter. Bis Alat – das sind um die 240 km - kommen wir heute nicht mehr, also stellen wir bei einem Restaurant den Motor ab und schlafen bis zum nächsten Morgen auf dem Parkplatz. Der folgende Tag geht streckenqualitätsmäßig weiter, wie der letzte aufgehört hat, und erst die letzten 60 km vor Alat wird die Straße endlich besser und wir können mit normaler Geschwindigkeit gegen späten Mittag in die Hafenstadt einfahren.

Im Hafenbereich angekommen, werden wir zunächst zur Zollkontrolle gelotst. Aber wir haben noch gar kein Ticket!? Richtig, darum werden wir vom Zoll zum Ticket-Office weitergeschickt. Im Ticket-Office erfahren wir, dass das nächste Schiff zwar heute Abend fährt, aber nicht für uns. Es ist keine Kabine mehr frei. Die brauchen wir auch gar nicht, wenn es nach uns geht, aber wir sollen trotzdem das nächste Schiff um 14:00 Uhr am nächsten Tag nehmen. Nein, Tickets kann man jetzt auch keine kaufen, erst morgen.

Also beschließen wir, den Hafen, der ausgelagert im Norden der Stadt liegt, nochmal zu verlassen, um uns Alat anzuschauen. Von der autobahnähnlichen Straße aus, die den Hafen mit der Stadt verbindet, sehen wir schon von Weitem nur häßliche Sowjet-Plattenbauten, und so verhält es sich bei näherem Hinsehen auch. Armut, Schmutz und Verwahrlosung. So dauert die Stadtbesichtigung etwa fünf Minuten, solange brauchen wir, um zu wenden und wieder auf die Autobahn aufzufahren.

Immer mehr Fahrradfahrer tauchen nachmittags im Hafengebiet auf, und auch zwei Motorradfahrer aus Rumänien kommen an. Die meisten aus den gleichen Gründen wie wir: kein Visum für Turkmenistan. Als noch Sandro und Bruno aus Italien - ebenfalls auf den Moppeds unterwegs - neben uns parken, wird es ein netter Abend. Bruno läßt es sich nicht nehmen, Spaghetti Aglio Olio für uns zu kochen und wir steuern den Wein dazu. Sandro ist mit 51 Jahren Rentner, so früh kann man in Italien als Carabinieri den Job komplett an den Nagel hängen – so alt wir wir, nur müssen wir noch 16 Jahre warten.

Am nächsten Tag geht natürlich keine Fähre um 14:00 Uhr, dafür dürfen wir aber 640 US$ für die Schiffspassage zahlen. Man stuft uns nämlich nicht als LKW ein, sondern als teureren Minibus. Minibus! Jegliches Argumentieren schlägt fehl. „Our Rules“. Ja, sie sitzen an einem sehr langen Hebel. Und dann noch 25 US$ Laderampennutzungsgebühr, aber alles mit Quittung. Das Ticket bekommen wir immer noch nicht, das soll uns der Zoll geben, wenn das Schiff beladen wird. Immerhin haben wir die Quittungen. Und Aussicht auf die obligatorische Kabine inklusive drei Mahlzeiten. Für jeden.

Abends um neun Uhr Ortszeit habe ich ein W-LAN abgegriffen und schaue die ersten Minuten des Pokalfinales Dortmund – Frankfurt und gerade als Frankfurt ausgleicht, kommt Leben in den Zoll. Ausgerechnet jetzt. Wir werden in die LKW-Schlange gewunken und müssen nun den Zollbereich passieren. Dort will man uns verwirren. So schnell wie ein Beamter unsere Ausweise an den nächsten weiterreicht, können wir nicht reagieren. Das sind hier alles Hütchenspieler und die verstehen ihr Handwerk – dachte ich. Doch irgendwann wissen sie selbst nicht mehr, wo Susanne´s Pass ist. Verspielt. Alles sucht Susannes Pass, währenddessen gibt es Prbljiem miet Tomas Dukument. Welches Problem denn?

Rdkajh jkajkkakk lssljaihiyoi.
Ach so. Und jetzt?
Niet Prbljiem.
Und warum dann der Aufstand?
Motor home halskdjalf l lskadkjhef iuhj aksjd Passport Auto.
Ah – im Carnet stimmt die Bezeichnung nicht mit der im KFZ-Schein überein: „motor home“ ist nicht gleich „SO.KFZ WOHNM. UEB. 2,8 T“. Und was nun?

Ich versuche ewig, das scheinbare Rätsel zu lösen, bis irgendwann ein Zöllner mit vier Pickeln samt Eichenblatt auf den Schultern dem Zöllner mit einem Pickel ohne Eichenblatt die Dokumente abnimmt und verschwindet. Hinter einer Bude taucht er dann wieder auf und winkt uns weiter. Geht aber nicht – Susanne´s Pass ist noch immer nicht gefunden. Weitersuchen. Nach anderthalb Stunden – mein Spiel, auf das ich mich gefreut haben, muss längst mit unbekanntem Ergebnis aus sein – kommt ein Zöllner mit dem abtrünnigen Pass in den Händen und wir können passieren.

Unsere Sorge, das Schiff könnte ohne uns gefahren sein, ist unbegründet. Alle LKWs, Fahrräder und Motorräder stehen friedlich am Pier und wir müssen dort bis zum nächsten Morgen warten, als die Verladung beginnt. Es ist schon viel über diese Schiffe geschrieben worden, die über das Kaspische Meer fahren und ich kann Euch sagen: Es stimmt alles. Wir hatten die MS Rostiger Kahn – ein Schiff, das von einer zentimeterdicken Farbschicht zusammengehalten wird und von schäbigen Teppichen mit „Schutzfolie“ darüber. Bei der Fährgesellschaft hat man übrigens eine neue Art der Teppich-Verlegekunst gefunden. Ist ein Teppich völlig zerstört, dann wird er nicht entfernt, sondern der neue wird darüber geworfen. Er bleibt dann auch so liegen, wie er geworfen wurde. Dabei muß und wird auch kein „neuer“ Teppich verwendet, sondern ein Exemplar mit etwas weniger Macken als der darunter liegende.

In der Kabine starten wir einen „Rundgang“. Wir haben eine Außenkabine und das ist wirklich phantastisch, da man das Fenster hier auflassen kann. So kommt immer frische Seeluft in die Kabine. Luxuriös mutet die Stuhl/Schreibtisch-Kombination an – zwei windschiefe Etwas aus Holz. Der Sitz des Drehstuhls wurde gegen ein Brett getauscht, welches auf der nicht funktionierenden Mechanik sitzt. Vorwitzigerweise sehe ich in die Schreibtisch-Schubladen und finde dort einen Teil des Deckenbelüftungssystems. Aha – man hat also an die Bordunterhaltung gedacht und für die Passagiere Ideen für den Zeitvertreib entwickelt.

Rechts neben dem Schreibtisch am Bettende haben sich unsere Kabinengenossen breitgemacht – eine Kolonie schwarzer Schimmelpilze aus dem Don-Delta stimmt eine traurige russische Weise an, die von Schiffsunglücken auf Seelenverkäufern handelt. Damit ist meine Schlafrichtung auf dem Bett auch schon mal geklärt. Weiter geht es im Bad – ja, wir haben eins. Aus dem Waschbecken kommt allerdings nur Heißwasser, da der Zulauf des Kaltwassers abgesperrt ist. Also „Kaltwasser“ aufdrehen und schnell wieder zudrehen. Aus einem Loch in der Leitung schießt nämlich das kalte Wasser in Hüfthöhe in Richtung Hosenreißverschluß. „Hast Du es nicht mehr geschafft?“

In der Dusche ist der Ablauf so durchgerostet, dass das Sieb bis in den Maschinenraum durchgefallen ist. Kunstvoll verdrehte Zuleitungen für Kalt- und Warmwasser ergänzen das Gesamtbild perfekt. In meinem Kopf formt sich eine Vision, in der zur Musik von 1.000 Meisterwerke unsere Kabine künstlerisch eingeordnet wird. „Oh nein!“ „Was ist?“ „Du stehst barfuß auf dem Teppich!“ Und ich habe vorher noch dran gedacht, bloß nicht die Schuhe ausziehen. Jetzt habe ich den Salat. Mikroorganismen, die wohl noch nie ein Mensch zuvor analysiert hat, bohren sich jetzt wahrscheinlich durch meine Fusssohle und sorgen für noch nicht bekannte Krankheiten. Ich werde ein Objekt der Forschung werden, bei dem noch Generationen von Biologen stirnrunzelnd auf die Objektträger schauen.

Unsere Mitfahrer – fast nur LKW-Fahrer – haben sich in der Wahl ihrer Schiffsgarderobe anscheinend abgesprochen: Feinripphemd oder Muscle-Shirt, Trainingshose und Duschschlappen. Es sind alles nette Typen: Woher wir kommen, wohin wir fahren, wo wir in Deutschland wohnen, Kinder, Beruf usw. Auf dem Schiff geht es recht relaxt zu. Selten bekommt man ein Mannschaftsteil zu sehen. Alles ist frei zugänglich – auch die Brücke, die jedoch verlassen ist. Ich widerstehe der Versuchung, an den Hebeln zu spielen und schlendere über das Sonnendeck zurück zu den anderen Mitreisenden. Beim Flugzeug hat der Autopilot auch was für sich.

Nach einer vollkommen ruhigen Überfahrt und vier Mahlzeiten – die waren wirklich gut, es gab russische Küche – erreichen wir Aktau früh morgens gegen sieben. Was dann folgt, ist der bislang längste Grenzübertritt schlechthin. Die Prozeduren ziehen sich bis in den Nachmittag. Mal weiß man nichts mit uns anzufangen, dann scheint man sich geeinigt zu haben, dass wir als Gütertransport abgefertigt werden, da hatten wir allerdings etwas dagegen. Immer wieder führten wir unterschiedliche Beamte vom Zoll durch den Wagen und langsam sickert die Erkenntnis durch, dass wir gar kein Güter-LKW sind. Als wir um 12:52 Uhr fast fertig sind und in dem Bank-Häuschen nur noch eine Gebühr für Trallala zahlen müssen, schließt die Schalterbeamtin just in dem Moment den Schalter, als ich an der Reihe bin. Das Ganze noch mit lautstarkem Geschimpfe, in dem die Worte Mittagspause und Essen eine Rolle spielen und an dem ich laut ihrer Schilderung eindeutig schuld bin. Gewitzt zeige ich ihr meine Uhr, nach der die Mittagspause erst in sieben Minuten beginnt, da kontert sie mich schlagfertig und weiterhin lautstark mit den Worten „Sistjem kaput“ aus und läßt mich vor dem Schalter stehen.

Um halb drei rollen wir dann tatsächlich aus dem Zollbereich und auf die Straße. Von der Horrorstraße, wie sie beschrieben wird, ist zunächst noch nichts zu spüren. Pferde- und Kamelherden links und rechts der Straße sorgen für Abwechslung in der sonst monotonen, aber gleichzeitig beeindruckenden Landschaft. Hier ist einfach nix und die gerade Strecke führt mitten hindurch. Bald ist dann Schluß mit der gut befahrbahren Straße. Eine schlaglochübersäte Kraterlandschaft folgt etwa 80 Kilometer bis zur Grenze Usbekistans. Wir fahren über Stunden weniger als 20 km/h und suchen immer öfter die Pisten parallel zur Strasse. Das zehrt an der Nerven, da wir ständig bemüht sind, den tiefen Löchern auszuweichen, was aber nicht immer gelingt - und dann setzt es einen heftigen Schlag, wir befürchten, die gesamte Einrichtung breche zusammen und es läßt uns verkrampft hinter dem Steuer zurück.

„Wie lange habt ihr Urlaub?“ wurden wir mehrfach vor der Reise gefragt - Urlaub iss mit Pool und so ...

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Kommentare   

0 #1 wolfgang nordmann 2017-06-13 14:12
ich wünsche euch noch viele tolle begegnungen auf eurer reise.die berichte über die menschen im iran,müsst ihr mal zum trump schicken.ich freue mich schon auf unseren 1.abschlag..vie le grüsse von ulla und wolfgang..
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